9. Was kann ich in einem Gruppenprozess beitragen?


 

 

Zu diesem Zeitpunkt ist die Gruppe formiert und Aufgaben für die Öffentlichkeitsarbeit sind verteilt. Die vorhandenen und benötigen Rollen- und Funktionsaufteilungen zeigen sich sehr markant. Beim Wahrnehmen der Verschiedenheiten und eigenen Kompetenzen innerhalb einer Gruppe wird die eigene Rolle und Bedeutung für die Gruppenarbeit erkannt.

 

Zudem wird die `Ressource Gruppe´ verstärkt anerkannt. Die Leitfrage `Was kann ich in einem Gruppenprozess beitragen ?´ bezieht sich auf das Erkennen der eigenen Funktionen und der Rollen anderer im gruppendynamischen Prozess. Das Wissen über die Bedeutung der eigenen Arbeit für den Gruppenprozess stellt einen Gegenpol zum Gefühl der alleinigen Ohnmacht dar. Dieses Wissen kann hilfreich sein, um die persönliche Einschätzung der eigenen Machtlosigkeit zu relativieren.

 

9.1 Unterschiede in der Gruppe reflektieren

Durch das Reflektieren der Unterschiedlichkeiten in Bezug auf Betroffenheiten, Geschwindigkeiten bei der Lösungsorientierung, Wissens- und Ressourcenzugängen, Engagement, Sympathie und Gruppenstatus innerhalb der Gruppe wird Wissen sowohl über die persönlichen Kompetenzen in der Gruppe als auch Wissen über die gemeinsamen Stärken und Schwächen der Gruppe erworben. Reflexion der Unterschiedlichkeiten in der Gruppe braucht die Bereitschaft, divergierende Positionen nachvollziehen zu wollen.

Ein Stadtteilarbeiter beschreibt die Bereitschaft, gruppeninterne Differenzen auszuhalten, als besondere Stärke einer Gruppe von MietervertreterInnen: „Ich war beeindruckt von der Geschlossenheit, die die Gruppe gegenüber externen Verhandlungspartnern entwickelte und die große Offenheit, interne Konflikte anzusprechen und zu regeln.“

 

Durch das (An-)Erkennen der Verschiedenheiten innerhalb der Gruppe kann auch ein bestärkender Identitätsbildungsprozess in Gang kommen. Die Verschiedenheiten können auch als Ressource betrachtet werden. Zudem kann Wissen um die sozialen Prozesse in der Gruppe gemeinsam aus der konkreten Erfahrung heraus entwickelt werden. Ein Akteur, der bei einer Gruppe zur Veränderung des Dorfplatzes aktiv war, beschreibt seine Erkenntnis nach einem Reflexionsprozess über die Gruppenstärke: „Da haben sich eben die verschiedensten Leute zusammengefunden, die sich wechselseitig gebraucht haben, um so ein Projekt in Gang zu setzen.“

 

9.2 externes Coaching beiziehen

Eine Sozialwissenschafterin, die Menschen in selbstorganisierten Bildungsvereinen nach ihren Lernerfahrungen befragte, meint über den Lerneffekt, der durch gemeinsame Reflexion entsteht: „Reflexion ist etwas, das kannst du nicht mehr zurückdrehen. Die Menschen können sich besser orientieren in ihrer Bildungsarbeit. Vielleicht sogar auch in ihrer beruflichen Arbeit. Die wissen zumindest, dass ihre Arbeit so wichtig ist, dass da jemand extra kommt und sie zwei Stunden fragt. Die kriegen die Erfahrung, dass man über das, was sie machen, so lange reden kann; dass man sich nicht verstecken muss, sondern dass mehr von ihrem Wissen und Können öffentlich wird.“

 

Ein Mitglied einer Lokalen Agenda 21 Gruppe meint zu den Lernerfahrungen: „Die Gruppe hatte nicht immer nur ein gemeinsames Ziel. Jeder hat sich individuell empowert und die Gruppe als solche auch. Denn jeder hat auf andere Dinge mehr Wert gelegt.“ Aufgrund der Heterogenität der Lernerfahrungen erweist sich für die Analyse der eigenen Rollen und Funktionsübernahmen eine externe Begleitung als sehr nützlich. Dadurch kann die Reflexion der Lernerfahrungen und auch des zwischenmenschlichen Umgangs innerhalb der Gruppe stark erleichtert werden.

 

9.3 Gruppenarbeit verbildlichen

Die Arbeit als Gruppe kann in einem Bild dargestellt werden. Jedes Gruppenmitglied kann darin seinen Platz definieren und das Gefühl, dass gerade ich in der Gruppe gebraucht werde, kann verdeutlicht werden. Zum Beispiel drückt ein langjähriges Mitglied einer Stadterneuerungsgruppe die heterarchische Struktur der Gruppenarbeit bildhaft aus: „Niemand unter mir, niemand über mir, das war unser Leitbild. Und jeder fand darin seinen und ihren Platz“.

 

9.4 neue Rollen ausprobieren

Innerhalb der Gruppe können – in einem geschützten Rahmen – neue Rollen ausprobiert werden. So können neu erwickelte Kompetenzen und Fähigkeiten erstmals erprobt werden und sich auch langfristig stabilisieren. Eine Frau aus einer Selbsthilfegruppe für sanfte Geburt beschreibt ihre neue Rolle als Vortragende:

„Wir sind dann regelmäßig sogar in die Hebammenschule eingeladen worden und haben dort unser Wissen weitergegeben, das wir uns selbst aneigneten. Das war eine tolle, neue Erfahrung.“

 

 

Sei der Wandel, den Du Dir wünscht.